Die eigene Nase,
Herr Kriminalautor Schmiester,
wird viel zu selten berührt.
In meinem letzten Brief habe ich Sie, wohl in der Anwandlung eines literarisch-cholerischen Anfalls, als typischen Deutschen bezeichnet. Diese Beleidigung kann ich so nicht stehen lassen. Wenn ich mal kritisch mit mir selbst bin, muss ich eingestehen, dass sich die Zugehörigkeit zu einem Staat überhaupt nicht als Beleidigung eignet. Eigentlich offenbart es mehr das Vorhandensein von Vorurteilen bei mir selbst. Wahrscheinlich habe auch ich Probleme mit meinem Deutschsein. (Dadurch bin ich wohl erst wahrhaft Deutsch. Hatte nicht auch Heinrich Heine so manche Probleme mit Deutschland und liebte es doch so sehr?) Nun, das hadern mit dem eigenen Land gehört wohl zum Deutschsein dazu.
Wahrhaft erschrocken über mich selbst bin ich allerdings in Aachen. In Aachen ist nämlich das Couven-Museum, das die bürgerliche Wohnkultur der letzten Jahrhunderte zeigt. Jeder Raum war in einem bürgerlichen Wohnstil eingerichtet. Nun raten Sie mal, in welchem Raum ich mich am wohlsten, ja fast schon zu Hause gefühlt habe. Im Biedermeier! Ist das nicht spießig! Jaja, der Theaterdirektor bekommt in einer Biedermeierküche feuchte Augen. Was es nicht alles gibt.
Ihr Theaterdirektor Buurmann.
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Mittwoch, 30. Juli 2008
Montag, 28. Juli 2008
Von Tätern und Opfern - Ein Widerwort
Wenn alle Stricke reißen,
Herr Kriminalautor Schmiester,
flüchten wir in die Hermeneutik.
Gerne möchte ich Ihnen folgen, ein paar Schritte in die Hermeneutik zu wagen, auch wenn ich befürchte, mit Ihrem Tempo nicht Schritt halten zu können. Zügeln Sie Ihre Geschwindigkeit also etwas, Sie werden merken, dass es am Straßenrand manch schöne Blume gibt, an die Sie sonst vorbei hasten. Es entgehen einem so viele schöne Kleinigkeiten, wenn man immer nur ein Ziel vor Augen hat und darüber ganz den Weg vergisst. Ich habe Sie immer für einen Flaneur gehalten, für einen Menschen der schlendert, genießt und schweigt. Leider muss ich feststellen, dass aller romantischen Überhöhung zum Trotz, Sie doch nichts weiter tun als hetzen. (Das Wort „hetzen“ ist an dieser Stelle von mir bewusst ob seiner Mehrdeutigkeit gewählt worden. Interpretatoren aller Länder vereinigt Euch!)
Also, Herr Kriminalautor Schmiester, lassen Sie uns ein wenig durch das Wort „Täter“ flanieren. Es fällt sofort auf, dass Sie dem Wort „Täter“ direkt eine Bedeutung zukommen lassen, die dazu angetan ist, das Wort auf nur einen Aspekt zu reduzieren. Sie behaupten, das Wort korreliere mit einem ungesetzlichen, verbrecherischen Tun. Wie sie dazu kommen, erklären Sie nicht. Stattdessen behaupten Sie im gewohnt selbstherrlichen Brustton der Überzeugung, diese Bedeutung sei in sprachlicher Übereinkunft entstanden, ganz so, als habe es irgendwann ein Treffen zwischen den Sprach-Göttern und den Menschen gegeben, an dem die diese Interpretation für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt wurde. Nun, an diesem denkwürdigen Tag der Entscheidung muss ich wohl nicht am Sinai, sondern am Strand gelegen haben.
Ihre Beschreibung definiert mitnichten das Wort „Täter“, sondern den Begriff „Täter einer Straftat“. Warum Sie das Wort „Täter“ mit einer Straftat assoziieren, könnte ich nun psychoanalytisch erklären, aber solange Sie mir aber kein Therapeutengehalt zahlen, möchte ich mir die Arbeit einer Analyse lieber nicht machen. Stattdessen möchte ich darauf hinweisen, dass Ihre Reduzierung lediglich beweist, dass Sie nicht Willens sind, zu Ihren eigenen Taten zu stehen. Wie alle Menschen, die über die Konsequenzen ihrer Taten hinwegtäuschen möchten, bedienen Sie sich des Wortes „Macher“. Hier zeigt sich Ihre wahre neoliberale Gesinnung.
Mit dem Wort „Macher“ nämlich, Herr Kriminalautor Schmiester, wiegen Sie sich in dem trügerischen Schein, es gäbe Taten, die nur schaffen, aber nicht nichten. So einfach ist aber leider nicht. Jede Tat bringt Neues hervor, da haben Sie Recht, aber jede Tat vernichtet auch. Mit jeder Tat vernichten wir die Unendlichkeit der Möglichkeiten. Statt also zu behaupten, eine Tat sei immer noch schöpferisch, sollten Sie lieber darüber nachdenken, welche Möglichkeiten Ihre Tat für alle Zeit vernichtet. Das ist die Verantwortung zur Tat, die ich meine.
Diese Verantwortung zur Tat geht Ihnen, verehrter Herr Kriminalautor, mal wieder völlig ab. Anders ist es nicht zu erklären, dass Sie aus meiner Opferanalyse ernsthaft herauszulesen glauben, ich würde damit „die rechtlos Hingerichteten, die der brutalen Macht Unterlegenen, die Opfer der Kriege und auch der Gaskammern in Auschwitz“ verunglimpfen. Zu einem solchen Resultat kann nur ein Mensch kommen, der lieber richtet als versteht. Die Rolle des Richters lasse ich Ihnen jedoch gerne angedeihen. Ich werde, um im Bild zu bleiben, dann wohl den Anwalt spielen.
Mit meiner Opferanalyse weise ich auf die Tatsache hin, dass es im Grunde zwei verschiedene Opfertypen gibt. Zunächst sind da jene Menschen, die zu Opfern gemacht werden. Das sind jene Menschen, die eigentlich keine Opfer sein wollen, denen das Selbstbestimmungrecht aber genommen wird. Dann gibt es jene Menschen, die sich selbst zum Opfer machen, um daraus Ihr Handeln zu begründen. Auf eben jenen Opfertypus habe ich mich bezogen, da eben jene Gruppe bereitwillig Opfer ist. Auf die andere Gruppe habe ich mich nicht bezogen, schon allein deswegen nicht, weil ich ihr Selbstbestimmungsrecht achte, denn sie wollen ja eben keine Opfer sein, sondern werden dazu gemacht.
Lassen Sie mich ein historischen Beispiel nehmen. Im Zionismus wohnt die Überzeugung, dass es nicht angehen kann, dass das Judentum ständig zum Opfer gemacht wird. Mit der Verwirklichung eines israelischen Staates haben die Zionistinnen und Zionisten endlich den Fluch der Opferrolle abgeschüttelt. Dass diese Entwicklung zwangsläufig Probleme hervorrufen musste, war von Anfang an klar. Die nicht-jüdische Welt hatte sich halt an Juden und Jüdinnen als Opfer gewöhnt. Solange sie brav den Tod durch ihre Feinde in Kauf nahmen, waren sie ein beliebtes Thema bei den Gutmenschen und ein dankbares Opfer der Antisemiten. Doch von dem Tag an, da sie es wagten, sich zu verteidigen, da Sie es wagten, zur Tat zu schreiten, begann das Lamento. Die Juden und Jüdinnen wurden zu Tätern. Aber natürlich nur zu Tätern in Ihrer Definition von Tat, Herr Kriminalautor Schmiester. Statt nach Gründen für die einzelnen Taten zu suchen, statt zu erkennen, dass gerade in Israel jede Tat der Regierung heiß und kontrovers diskutiert und kritisiert wird, wird hinter jeder Tat der israelischen Bevölkerung direkt eine Straftat vermutet. Die UN kommt ja gar nicht mehr nach mit Resolutionen, die gegen dieses kleine Land verhängt werden. Aber es musste wohl so kommen, denn wer Jahre lang mit dem Bild der Brunnenvergifter und Kindermörder groß geworden ist, kann sich nun mal an eine andere Bedeutung des Wortes „Täter“ in Verbindung mit Juden nicht gewöhnen.
Sie sind in dieser Hinsicht leider auch ein typischer Deutscher, Herr Kriminalautor Schmiester. Sie gehören einer Nation an, die Auschwitz zu verantworten hat, da rutscht das Wort nolens volens in eine negative Ecke. Aber ein Volk, das Wüsten bewohnbar macht und die Idee der Demokratie in eine Welt trägt, wo die Freiheit des Individuums noch nicht geachtet wird, hat selbstverständlicher Weise einen besseren Begriff von „Täter“.
Jetzt, wo ich das Wort „Täter“ erneut und vor allem in Verbindung mit Erez Israel benutzt habe, Ihnen quasi eine Steilvorlage für Beleidigungen und Missverständnisse gegeben habe, können Sie sich erneut entscheiden, ob Sie mich wieder nur richten wollen, oder sich endlich mal ans Verstehen wagen möchten. Ich hoffe, Sie mögen Sich auf das Verstehen konzentrieren.
PS: Den Film „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman haben Sie leider wohl auch nicht ganz verstanden. Denn gerade dieser Film behandelt die Konsequenzen einer ganz besonderen Tat. Im Bewusstsein Ihres nahen Todes hat eine schwerkranke Frau im Einverständnis mit ihrer Schwester beschlossen, das eigene Neugeborene als Kind der gesunden Schwester auszugeben. Diese Tat wird im Film nie direkt angesprochen, sondern immer nur angedeutet. Dennoch zeigt der Film die Grausamkeit dieser Tat in Anbetracht der Tatsache, dass das Kind mittlerweile einige Jahre alt, die leibliche Mutter aber immer noch am Leben ist. In erschütternden Bildern zeigt der Film, wie es sich mit einer solchen Tat leben, oder besser eben nicht leben lässt. Dies ist jedoch nur ein winziger Aspekt des Filmes und Bergman wäre nicht Ingmar, wenn es da nicht noch viel mehr zu sehen gäbe. Dass Ihnen allerdings dieser Aspekt nicht aufgefallen zu sein scheint, kann ich nur mit Ihrem sehr einseitigen Verständnis des Wortes „Täter“ erklären.
PPS: Ob Sie mir ein Praeputium zutrauen ist mir gelinde gesagt schmockegal, aber wiederum haben Sie etwas falsch verstanden, im Stück hat die Figur des Christian ein Praeputium. Mein Penis ist nicht Thema des Stückes - auch wenn es Sie enttäuscht. Wenn Sie jedoch wollen, kann ich ja irgendwann mal ein schönes Stück über mein Geschlechtsteil schreiben. Ein solches Stück werden dann aber nur Sie zu lesen bekommen, quasi als Geschenk für dieses anregende Streitgespräch.
Buurmann,
Theaterdirektor
Herr Kriminalautor Schmiester,
flüchten wir in die Hermeneutik.
Gerne möchte ich Ihnen folgen, ein paar Schritte in die Hermeneutik zu wagen, auch wenn ich befürchte, mit Ihrem Tempo nicht Schritt halten zu können. Zügeln Sie Ihre Geschwindigkeit also etwas, Sie werden merken, dass es am Straßenrand manch schöne Blume gibt, an die Sie sonst vorbei hasten. Es entgehen einem so viele schöne Kleinigkeiten, wenn man immer nur ein Ziel vor Augen hat und darüber ganz den Weg vergisst. Ich habe Sie immer für einen Flaneur gehalten, für einen Menschen der schlendert, genießt und schweigt. Leider muss ich feststellen, dass aller romantischen Überhöhung zum Trotz, Sie doch nichts weiter tun als hetzen. (Das Wort „hetzen“ ist an dieser Stelle von mir bewusst ob seiner Mehrdeutigkeit gewählt worden. Interpretatoren aller Länder vereinigt Euch!)
Also, Herr Kriminalautor Schmiester, lassen Sie uns ein wenig durch das Wort „Täter“ flanieren. Es fällt sofort auf, dass Sie dem Wort „Täter“ direkt eine Bedeutung zukommen lassen, die dazu angetan ist, das Wort auf nur einen Aspekt zu reduzieren. Sie behaupten, das Wort korreliere mit einem ungesetzlichen, verbrecherischen Tun. Wie sie dazu kommen, erklären Sie nicht. Stattdessen behaupten Sie im gewohnt selbstherrlichen Brustton der Überzeugung, diese Bedeutung sei in sprachlicher Übereinkunft entstanden, ganz so, als habe es irgendwann ein Treffen zwischen den Sprach-Göttern und den Menschen gegeben, an dem die diese Interpretation für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt wurde. Nun, an diesem denkwürdigen Tag der Entscheidung muss ich wohl nicht am Sinai, sondern am Strand gelegen haben.
Ihre Beschreibung definiert mitnichten das Wort „Täter“, sondern den Begriff „Täter einer Straftat“. Warum Sie das Wort „Täter“ mit einer Straftat assoziieren, könnte ich nun psychoanalytisch erklären, aber solange Sie mir aber kein Therapeutengehalt zahlen, möchte ich mir die Arbeit einer Analyse lieber nicht machen. Stattdessen möchte ich darauf hinweisen, dass Ihre Reduzierung lediglich beweist, dass Sie nicht Willens sind, zu Ihren eigenen Taten zu stehen. Wie alle Menschen, die über die Konsequenzen ihrer Taten hinwegtäuschen möchten, bedienen Sie sich des Wortes „Macher“. Hier zeigt sich Ihre wahre neoliberale Gesinnung.
Mit dem Wort „Macher“ nämlich, Herr Kriminalautor Schmiester, wiegen Sie sich in dem trügerischen Schein, es gäbe Taten, die nur schaffen, aber nicht nichten. So einfach ist aber leider nicht. Jede Tat bringt Neues hervor, da haben Sie Recht, aber jede Tat vernichtet auch. Mit jeder Tat vernichten wir die Unendlichkeit der Möglichkeiten. Statt also zu behaupten, eine Tat sei immer noch schöpferisch, sollten Sie lieber darüber nachdenken, welche Möglichkeiten Ihre Tat für alle Zeit vernichtet. Das ist die Verantwortung zur Tat, die ich meine.
Diese Verantwortung zur Tat geht Ihnen, verehrter Herr Kriminalautor, mal wieder völlig ab. Anders ist es nicht zu erklären, dass Sie aus meiner Opferanalyse ernsthaft herauszulesen glauben, ich würde damit „die rechtlos Hingerichteten, die der brutalen Macht Unterlegenen, die Opfer der Kriege und auch der Gaskammern in Auschwitz“ verunglimpfen. Zu einem solchen Resultat kann nur ein Mensch kommen, der lieber richtet als versteht. Die Rolle des Richters lasse ich Ihnen jedoch gerne angedeihen. Ich werde, um im Bild zu bleiben, dann wohl den Anwalt spielen.
Mit meiner Opferanalyse weise ich auf die Tatsache hin, dass es im Grunde zwei verschiedene Opfertypen gibt. Zunächst sind da jene Menschen, die zu Opfern gemacht werden. Das sind jene Menschen, die eigentlich keine Opfer sein wollen, denen das Selbstbestimmungrecht aber genommen wird. Dann gibt es jene Menschen, die sich selbst zum Opfer machen, um daraus Ihr Handeln zu begründen. Auf eben jenen Opfertypus habe ich mich bezogen, da eben jene Gruppe bereitwillig Opfer ist. Auf die andere Gruppe habe ich mich nicht bezogen, schon allein deswegen nicht, weil ich ihr Selbstbestimmungsrecht achte, denn sie wollen ja eben keine Opfer sein, sondern werden dazu gemacht.
Lassen Sie mich ein historischen Beispiel nehmen. Im Zionismus wohnt die Überzeugung, dass es nicht angehen kann, dass das Judentum ständig zum Opfer gemacht wird. Mit der Verwirklichung eines israelischen Staates haben die Zionistinnen und Zionisten endlich den Fluch der Opferrolle abgeschüttelt. Dass diese Entwicklung zwangsläufig Probleme hervorrufen musste, war von Anfang an klar. Die nicht-jüdische Welt hatte sich halt an Juden und Jüdinnen als Opfer gewöhnt. Solange sie brav den Tod durch ihre Feinde in Kauf nahmen, waren sie ein beliebtes Thema bei den Gutmenschen und ein dankbares Opfer der Antisemiten. Doch von dem Tag an, da sie es wagten, sich zu verteidigen, da Sie es wagten, zur Tat zu schreiten, begann das Lamento. Die Juden und Jüdinnen wurden zu Tätern. Aber natürlich nur zu Tätern in Ihrer Definition von Tat, Herr Kriminalautor Schmiester. Statt nach Gründen für die einzelnen Taten zu suchen, statt zu erkennen, dass gerade in Israel jede Tat der Regierung heiß und kontrovers diskutiert und kritisiert wird, wird hinter jeder Tat der israelischen Bevölkerung direkt eine Straftat vermutet. Die UN kommt ja gar nicht mehr nach mit Resolutionen, die gegen dieses kleine Land verhängt werden. Aber es musste wohl so kommen, denn wer Jahre lang mit dem Bild der Brunnenvergifter und Kindermörder groß geworden ist, kann sich nun mal an eine andere Bedeutung des Wortes „Täter“ in Verbindung mit Juden nicht gewöhnen.
Sie sind in dieser Hinsicht leider auch ein typischer Deutscher, Herr Kriminalautor Schmiester. Sie gehören einer Nation an, die Auschwitz zu verantworten hat, da rutscht das Wort nolens volens in eine negative Ecke. Aber ein Volk, das Wüsten bewohnbar macht und die Idee der Demokratie in eine Welt trägt, wo die Freiheit des Individuums noch nicht geachtet wird, hat selbstverständlicher Weise einen besseren Begriff von „Täter“.
Jetzt, wo ich das Wort „Täter“ erneut und vor allem in Verbindung mit Erez Israel benutzt habe, Ihnen quasi eine Steilvorlage für Beleidigungen und Missverständnisse gegeben habe, können Sie sich erneut entscheiden, ob Sie mich wieder nur richten wollen, oder sich endlich mal ans Verstehen wagen möchten. Ich hoffe, Sie mögen Sich auf das Verstehen konzentrieren.
PS: Den Film „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman haben Sie leider wohl auch nicht ganz verstanden. Denn gerade dieser Film behandelt die Konsequenzen einer ganz besonderen Tat. Im Bewusstsein Ihres nahen Todes hat eine schwerkranke Frau im Einverständnis mit ihrer Schwester beschlossen, das eigene Neugeborene als Kind der gesunden Schwester auszugeben. Diese Tat wird im Film nie direkt angesprochen, sondern immer nur angedeutet. Dennoch zeigt der Film die Grausamkeit dieser Tat in Anbetracht der Tatsache, dass das Kind mittlerweile einige Jahre alt, die leibliche Mutter aber immer noch am Leben ist. In erschütternden Bildern zeigt der Film, wie es sich mit einer solchen Tat leben, oder besser eben nicht leben lässt. Dies ist jedoch nur ein winziger Aspekt des Filmes und Bergman wäre nicht Ingmar, wenn es da nicht noch viel mehr zu sehen gäbe. Dass Ihnen allerdings dieser Aspekt nicht aufgefallen zu sein scheint, kann ich nur mit Ihrem sehr einseitigen Verständnis des Wortes „Täter“ erklären.
PPS: Ob Sie mir ein Praeputium zutrauen ist mir gelinde gesagt schmockegal, aber wiederum haben Sie etwas falsch verstanden, im Stück hat die Figur des Christian ein Praeputium. Mein Penis ist nicht Thema des Stückes - auch wenn es Sie enttäuscht. Wenn Sie jedoch wollen, kann ich ja irgendwann mal ein schönes Stück über mein Geschlechtsteil schreiben. Ein solches Stück werden dann aber nur Sie zu lesen bekommen, quasi als Geschenk für dieses anregende Streitgespräch.
Buurmann,
Theaterdirektor
Was ist Theater?
Vom Beginn an war das Theater ein Spiel, das Verwandeln von Texten, ob niedergeschrieben oder nicht, in ein Gewebe von Zitaten, ein Eindringen und in Bewegung bringen, ein Nachsuchen, ja Erschüttern. Theater wird gespielt, noch bevor es geschrieben oder gesprochen wird. Sprechen und Schreiben, die beiden vermeintlichen Kontrahenten, verwoben und doch getrennt, im Theater werden sie zum Ereigniss. Im Theater leistet der Mensch Menschendienst, ebenso, wie der Mensch in der Synagoge, der Kirche oder der Moschee Gottesdienst betreibt.
Der Theatertext - verwaist, adoptiert, gespielt - ist ein Gebäude zum Einbruch errichtet, sowohl ohne Schwanz als auch ohne Kopf, unvernünftig, ohne Bezugszentrum, weil er Spiel ist, weder absurd noch inkohärent noch verrückt. Theater fragt nicht nach dem Sinn, eine interpretatorische Offenbarung wird nicht ersehnt, sondern unterlaufen. Die Herrschaft der Auslegung wird überschritten und die Unbestimmtheit des Theaters, ohne Unterlaß, wieder in ein endloses Spiel getrieben. Der Ursprung des Theaters liegt im Spiel, auch und gerade weil er zeitlich auf das Verfassen folgt. Denn was ist das Verharren in der Erstellung eines Theaterstückes weiter als ein bloßes Festhalten einer Idee? Ein Stück, das nicht zu einem über die Bühne gespanntes Leichentuch verkommen möchte, muß gestaltlos sein und doch formbar, für die Spielenden auf und um den Brettern. Es muß bewohnbar sein - das Spielen kann nur von innen geschehen - darf jedoch nicht versklaven.
Spielen heißt, dass Risiko einzugehen, „Ja“ zu sagen zu einer Absurdität, die spürbar ihren eigenen Regeln gehorcht und immer wieder solchen Sinn hervorbringt, als dessen Kehrseite sich das Theater doch versteht. Wir spielen weiter. Wozu, wovon, wohin? Ruhelos, wird jeder modische Sinn erneut über die Fläche der Plattform zerlegt und zerstreut, um sich nicht in die Grenzen zu legen, in denen das Theater offensichtlich agieren muß. Theater ist eine unaufhörliche Bewegung von Bildern und im Gegensatz zum Bildschirm keine bloße Matrize von Vergangenem, sondern ständig gegenwärtig und originär in seinem Spiel. Selbst das Publikum ist mit dem Theater verstrickt - ein großes Verweissystem. Und doch weiß das Publikum, dass es am Ende der Aufführung wieder hinaus muß in die Welt, um dort in den Spuren des zertrümmerten Sinns einen Weg zu finden.
(Dieser Text entstand im Spiel mit Texten von Jacques Derrida und Sarah Kofman, sowie im Gespräch mit Prof. Claudia Bickmann und Viktoria Burkert von der Universität zu Köln, denen besonderer Dank gilt.)
Der Theatertext - verwaist, adoptiert, gespielt - ist ein Gebäude zum Einbruch errichtet, sowohl ohne Schwanz als auch ohne Kopf, unvernünftig, ohne Bezugszentrum, weil er Spiel ist, weder absurd noch inkohärent noch verrückt. Theater fragt nicht nach dem Sinn, eine interpretatorische Offenbarung wird nicht ersehnt, sondern unterlaufen. Die Herrschaft der Auslegung wird überschritten und die Unbestimmtheit des Theaters, ohne Unterlaß, wieder in ein endloses Spiel getrieben. Der Ursprung des Theaters liegt im Spiel, auch und gerade weil er zeitlich auf das Verfassen folgt. Denn was ist das Verharren in der Erstellung eines Theaterstückes weiter als ein bloßes Festhalten einer Idee? Ein Stück, das nicht zu einem über die Bühne gespanntes Leichentuch verkommen möchte, muß gestaltlos sein und doch formbar, für die Spielenden auf und um den Brettern. Es muß bewohnbar sein - das Spielen kann nur von innen geschehen - darf jedoch nicht versklaven.
Spielen heißt, dass Risiko einzugehen, „Ja“ zu sagen zu einer Absurdität, die spürbar ihren eigenen Regeln gehorcht und immer wieder solchen Sinn hervorbringt, als dessen Kehrseite sich das Theater doch versteht. Wir spielen weiter. Wozu, wovon, wohin? Ruhelos, wird jeder modische Sinn erneut über die Fläche der Plattform zerlegt und zerstreut, um sich nicht in die Grenzen zu legen, in denen das Theater offensichtlich agieren muß. Theater ist eine unaufhörliche Bewegung von Bildern und im Gegensatz zum Bildschirm keine bloße Matrize von Vergangenem, sondern ständig gegenwärtig und originär in seinem Spiel. Selbst das Publikum ist mit dem Theater verstrickt - ein großes Verweissystem. Und doch weiß das Publikum, dass es am Ende der Aufführung wieder hinaus muß in die Welt, um dort in den Spuren des zertrümmerten Sinns einen Weg zu finden.
(Dieser Text entstand im Spiel mit Texten von Jacques Derrida und Sarah Kofman, sowie im Gespräch mit Prof. Claudia Bickmann und Viktoria Burkert von der Universität zu Köln, denen besonderer Dank gilt.)
Donnerstag, 24. Juli 2008
Gehirne am Strand (5)
Und wieder,
Herr Kriminalautor Schmiester,
wieder haben Sie es getan.
Schon Ihre ersten Worte atmen den Geist der Unterstellung und Übertragung. Statt auf meine zugegebenermaßen aggressiv vorgetragenen Argumenten einzugehen, reagieren Sie nicht mit Gegenargumenten, sondern behaupten schlicht, ich hätte versucht, Sie mundtot zu machen.
Statt also zu reagieren, basteln Sie lieber an Ihrer Stellung als das Opfer meiner Aggression. Hier zeigt sich wieder Ihre Nähe zum literarischen Terrorismus. Statt kritisch mit dem Gegner und sich selbst umzugehen, behaupten Sie lieber Ihre Opferstellung. Es lebt sich als Opfer halt viel leichter als als Täter. Es ist eine Art Schutzschild vor Argumenten und vor allem: als Opfer glaubt man immer auf der guten Seite zu sein. Dem ist aber nicht so, mein lieber Herr Kriminalautor. Schon die Nazis wähnten sich als Opfer der Welt. Als Opfer des Versailler Vertrags, als Opfer der Juden, als Opfer des Kapitalismus, schlicht als Opfer vor dem Herrn. Auch heute noch gibt es diese Opfermentalität. Sie wohnt in solch Sätzen wie: „Man wird doch noch stolz sein dürfen, Deutscher zu sein!“ Ganz so, als gäb es irgendwo eine Verschwörung, eine jüdische gar, die es uns verbietet, stolz zu sein.
Es ist der Deutsche selbst, der ein Problem mit sich als Deutscher hat, nicht die Welt. Die Welt hatte Deutschland schnell verziehen, ich möchte gar wagen zu sagen: zu schnell. Im Jahre 1955 trat Deutschland der NATO bei. Das muss man sich mal vorstellen: Zehn Jahre, nachdem Deutschland Millionen von Menschen brutal in Lagern ermordet hatte, wurde es Mitglied in einer Vereinigung zur Verteidigung der westlichen Werte. Vom Judenmörder zum Demokraten in nur zehn Jahren. Wenn das keine Karriere ist. Eine wahrhaft deutsche möchte ich sagen. Wer weiß, wäre Eichmann etwas später geboren worden, hätte er nicht die Judentransporte organisiert, sondern vielleicht für die Wahrung der westlich-liberalen Ordnung gearbeitet. Hier sehen wie die Fratze der reinen Bürokratie, die nicht nach dem Warum sondern nur nach dem Wie fragt. Typisch Deutsch? Fast möchte ich sagen: Ja!
Aber eben nur fast. Adolf Eichmann war schließlich Mitglied der österreichischen NsDAP. Im Falle von Österreich kann man wirklich nur noch mit offenem Mund staunend dastehen. Es ist geradezu beeindruckend, wie es Österreich geschafft hat, seine offensichtliche Mitverantwortung an beiden Weltkriegen zu vertuschen. Österreich hat es unter den Augen der Weltöffentlichkeit hinbekommen, seine eigene Schande in Mozartkugeln zu gießen. Heutzutage tanzt regelmäßig die Unschuld in Form einer singenden Blondine über die Alm und singt: "The hills are alive with the sound of music!" Österreich hat eine wahrhaft hervorragende Imagekampagne zur Abschüttelung der eigenen Schuld kreiert. Österreich ist es sogar gelungen, sich selbst in Übereinstimmung mit der Moskauer Erklärung der Alliierten von 1943 als erstes Opfer der Nationalsozialisten zu positionieren.
Und am Ende waren sie alle nur Opfer. Auch Eichmann. Opfer der Umstände, Opfer der Bürokratie. Opfer einer Befehlskette. Was haben die Nazis nicht alles für Eiertänze in Nürnberg und Jerusalem veranstaltet, um ja nicht verantwortlich zu sein. Viel könnte ich jetzt gegen diese Ausrede vorbringen; aber es reicht schon, hier jene Richter zu zitieren, die Adolf Eichmann am 15. Dezember 1961 verurteilt haben:
"Durch welche Zufälle innerer und äußerer Art Sie auch immer auf den Weg geraten sein mögen, auf dem Sie dann zum Verbrecher wurden - zwischen dem, was Sie tatsächlich getan haben, und dem, was andere möglicherweise unter den gleichen Umständen auch getan hätten, liegt eine nicht überbrückbare Kluft. Uns gehen hier nur Ihre wirklichen Handlungen etwas an, und weder die möglicherweise nichtverbrecherische Natur Ihres Innenlebens und Ihrer Motive noch die möglicherweise verbrecherischen Neigungen Ihrer Umgebung. Sie haben sich, als Sie Ihre Lebensgeschichte erzählten, als einen Pechvogel dargestellt, und in Kenntnis der Bedingungen, unter denen Sie lebten, sind wir bis zu einem gewissen Grad sogar bereit, Ihnen zuzugestehen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass Sie unter günstigeren Umständen je in diesem oder einem anderen Strafprozess als Angeklagter erschienen wären. Aber auch wenn wir unterstellen, dass es reines Missgeschick war, das aus Ihnen ein willfähriges Werkzeug in der Organisation des Massenmords gemacht hat, so bleibt eben doch die Tatsache bestehen, dass Sie mithalfen, die Politik des Massenmordes auszuführen und also diese Politik aktiv unterstützt haben. Denn wenn Sie sich auf Gehorsam berufen, so möchten wir Ihnen vorhalten, dass die Politik ja nicht in der Kinderstube vor sich geht und dass im politischen Bereich der Erwachsenen das Wort Gehorsam nur ein anderes Wort ist für Zustimmung und Unterstützung."
Besser kann man es nicht formulieren. Außerdem ist es doch recht verwunderlich, dass zwar stets alle Nazis nur Befehle ausgeführt haben wollen, aber nie jemand einen Befehl gegeben haben will. Es ist halt einfacher, ein Opfer zu sein. Viel schwieriger ist es, ein Täter zu sein, denn zur Tat gehört auch immer die Verantwortung zur Tat.
Eine solche Verantwortung zur Tat scheinen Sie, Herr Kriminalautor Schmiester, nicht tragen zu wollen. Und daher mein guter und lieber Freund, verschonen Sie mich mit Entschuldigungen und gehen Sie stattdessen auf meine Argumente ein. Sie werden stets ein wahrer und wichtiger Freund für mich bleiben, selbst wenn uns im argumentativen Boxkampf mal ein Tiefschlag passiert. Uns bleibt immer noch das nächste Rosh HaShana.
Zu Ihrer Abhandlung bezüglich der Theaterkritik möchte ich hier nichts schreiben. Noch nicht. Vielleicht komme ich irgendwann darauf zurück. Jetzt gilt es erst einmal ganz ohne Neid zu bekennen, dass wenn jemand einen so hervorragenden Text wie Sie geschrieben hat, man erst einmal in Ehrfurcht schweigen sollte. Eben dies haben Sie sich mit dem letzten Text zum Thema Theaterkritik verdient: ehrfürchtiges Schweigen.
Für’s erste also:
„Der Rest ist Schweigen.“
Hochachtungsvoll,
Ihr Theaterleiter Buurmann.
PS: Bei "Gehirne am Strand" handelt es sich nicht um mein Erstlingswerk, wie von Ihnen behauptet. Es sei hier nur an "Drinnen" erinnert, das vor einiger Zeit seine Uraufführung feierte.
Herr Kriminalautor Schmiester,
wieder haben Sie es getan.
Schon Ihre ersten Worte atmen den Geist der Unterstellung und Übertragung. Statt auf meine zugegebenermaßen aggressiv vorgetragenen Argumenten einzugehen, reagieren Sie nicht mit Gegenargumenten, sondern behaupten schlicht, ich hätte versucht, Sie mundtot zu machen.
Statt also zu reagieren, basteln Sie lieber an Ihrer Stellung als das Opfer meiner Aggression. Hier zeigt sich wieder Ihre Nähe zum literarischen Terrorismus. Statt kritisch mit dem Gegner und sich selbst umzugehen, behaupten Sie lieber Ihre Opferstellung. Es lebt sich als Opfer halt viel leichter als als Täter. Es ist eine Art Schutzschild vor Argumenten und vor allem: als Opfer glaubt man immer auf der guten Seite zu sein. Dem ist aber nicht so, mein lieber Herr Kriminalautor. Schon die Nazis wähnten sich als Opfer der Welt. Als Opfer des Versailler Vertrags, als Opfer der Juden, als Opfer des Kapitalismus, schlicht als Opfer vor dem Herrn. Auch heute noch gibt es diese Opfermentalität. Sie wohnt in solch Sätzen wie: „Man wird doch noch stolz sein dürfen, Deutscher zu sein!“ Ganz so, als gäb es irgendwo eine Verschwörung, eine jüdische gar, die es uns verbietet, stolz zu sein.
Es ist der Deutsche selbst, der ein Problem mit sich als Deutscher hat, nicht die Welt. Die Welt hatte Deutschland schnell verziehen, ich möchte gar wagen zu sagen: zu schnell. Im Jahre 1955 trat Deutschland der NATO bei. Das muss man sich mal vorstellen: Zehn Jahre, nachdem Deutschland Millionen von Menschen brutal in Lagern ermordet hatte, wurde es Mitglied in einer Vereinigung zur Verteidigung der westlichen Werte. Vom Judenmörder zum Demokraten in nur zehn Jahren. Wenn das keine Karriere ist. Eine wahrhaft deutsche möchte ich sagen. Wer weiß, wäre Eichmann etwas später geboren worden, hätte er nicht die Judentransporte organisiert, sondern vielleicht für die Wahrung der westlich-liberalen Ordnung gearbeitet. Hier sehen wie die Fratze der reinen Bürokratie, die nicht nach dem Warum sondern nur nach dem Wie fragt. Typisch Deutsch? Fast möchte ich sagen: Ja!
Aber eben nur fast. Adolf Eichmann war schließlich Mitglied der österreichischen NsDAP. Im Falle von Österreich kann man wirklich nur noch mit offenem Mund staunend dastehen. Es ist geradezu beeindruckend, wie es Österreich geschafft hat, seine offensichtliche Mitverantwortung an beiden Weltkriegen zu vertuschen. Österreich hat es unter den Augen der Weltöffentlichkeit hinbekommen, seine eigene Schande in Mozartkugeln zu gießen. Heutzutage tanzt regelmäßig die Unschuld in Form einer singenden Blondine über die Alm und singt: "The hills are alive with the sound of music!" Österreich hat eine wahrhaft hervorragende Imagekampagne zur Abschüttelung der eigenen Schuld kreiert. Österreich ist es sogar gelungen, sich selbst in Übereinstimmung mit der Moskauer Erklärung der Alliierten von 1943 als erstes Opfer der Nationalsozialisten zu positionieren.
Und am Ende waren sie alle nur Opfer. Auch Eichmann. Opfer der Umstände, Opfer der Bürokratie. Opfer einer Befehlskette. Was haben die Nazis nicht alles für Eiertänze in Nürnberg und Jerusalem veranstaltet, um ja nicht verantwortlich zu sein. Viel könnte ich jetzt gegen diese Ausrede vorbringen; aber es reicht schon, hier jene Richter zu zitieren, die Adolf Eichmann am 15. Dezember 1961 verurteilt haben:
"Durch welche Zufälle innerer und äußerer Art Sie auch immer auf den Weg geraten sein mögen, auf dem Sie dann zum Verbrecher wurden - zwischen dem, was Sie tatsächlich getan haben, und dem, was andere möglicherweise unter den gleichen Umständen auch getan hätten, liegt eine nicht überbrückbare Kluft. Uns gehen hier nur Ihre wirklichen Handlungen etwas an, und weder die möglicherweise nichtverbrecherische Natur Ihres Innenlebens und Ihrer Motive noch die möglicherweise verbrecherischen Neigungen Ihrer Umgebung. Sie haben sich, als Sie Ihre Lebensgeschichte erzählten, als einen Pechvogel dargestellt, und in Kenntnis der Bedingungen, unter denen Sie lebten, sind wir bis zu einem gewissen Grad sogar bereit, Ihnen zuzugestehen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass Sie unter günstigeren Umständen je in diesem oder einem anderen Strafprozess als Angeklagter erschienen wären. Aber auch wenn wir unterstellen, dass es reines Missgeschick war, das aus Ihnen ein willfähriges Werkzeug in der Organisation des Massenmords gemacht hat, so bleibt eben doch die Tatsache bestehen, dass Sie mithalfen, die Politik des Massenmordes auszuführen und also diese Politik aktiv unterstützt haben. Denn wenn Sie sich auf Gehorsam berufen, so möchten wir Ihnen vorhalten, dass die Politik ja nicht in der Kinderstube vor sich geht und dass im politischen Bereich der Erwachsenen das Wort Gehorsam nur ein anderes Wort ist für Zustimmung und Unterstützung."
Besser kann man es nicht formulieren. Außerdem ist es doch recht verwunderlich, dass zwar stets alle Nazis nur Befehle ausgeführt haben wollen, aber nie jemand einen Befehl gegeben haben will. Es ist halt einfacher, ein Opfer zu sein. Viel schwieriger ist es, ein Täter zu sein, denn zur Tat gehört auch immer die Verantwortung zur Tat.
Eine solche Verantwortung zur Tat scheinen Sie, Herr Kriminalautor Schmiester, nicht tragen zu wollen. Und daher mein guter und lieber Freund, verschonen Sie mich mit Entschuldigungen und gehen Sie stattdessen auf meine Argumente ein. Sie werden stets ein wahrer und wichtiger Freund für mich bleiben, selbst wenn uns im argumentativen Boxkampf mal ein Tiefschlag passiert. Uns bleibt immer noch das nächste Rosh HaShana.
Zu Ihrer Abhandlung bezüglich der Theaterkritik möchte ich hier nichts schreiben. Noch nicht. Vielleicht komme ich irgendwann darauf zurück. Jetzt gilt es erst einmal ganz ohne Neid zu bekennen, dass wenn jemand einen so hervorragenden Text wie Sie geschrieben hat, man erst einmal in Ehrfurcht schweigen sollte. Eben dies haben Sie sich mit dem letzten Text zum Thema Theaterkritik verdient: ehrfürchtiges Schweigen.
Für’s erste also:
„Der Rest ist Schweigen.“
Hochachtungsvoll,
Ihr Theaterleiter Buurmann.
PS: Bei "Gehirne am Strand" handelt es sich nicht um mein Erstlingswerk, wie von Ihnen behauptet. Es sei hier nur an "Drinnen" erinnert, das vor einiger Zeit seine Uraufführung feierte.
Gehirne am Strand
Die Freude ein Opfer zu sein,
Gehirne am Strand,
von Gerd Buurmann
Kölner Lichter
Ja, ich bin ein literarischer Choleriker,
verehrter Herr Kriminalautor Schmiester,
aber bei den Kölner Lichtern bleibe ich gelassen.
Bevor Sie nun aber ganz an mir verzweifeln, seien Sie sich gewiss, dass ich selbstverständlich gerne mit Ihnen Hand in Hand durch das kommende Jahrhundert gehen möchte und dass auch ich nichts Positives zu den Kölner Lichtern zu sagen habe. Die Kölner Lichter widern mich an, wie jede Massenveranstaltung, bei der der individuelle Mensch zur gaffenden Fleischmasse reduziert wird. Am selben Tag wie die Kölner Lichter füllte Mario Barth in Berlin die Olympiahalle mit 70.000 Menschen, die begeistert und trunken Ihrem Idol zujubelten. Mit diesen 70.000 Menschen brach Mario Barth den Rekord, der vor ihm durch Chris Rock aus den Vereinigten Staaten von Amerika aufgestellt wurde, der etwas weniger als 16.000 Menschen versammeln konnte.
Verwundern tut es mich nicht, dass letztendlich ein Deutscher den Rekord gebrochen hat, denn wenn es etwas gibt, das die Deutschen gut können, dann sich in lachenden Horden zusammenzurotten um gemeinsam mit einem Führer über Andere zu lachen.
Goethe hat es im Faust (Zweiter Teil) mal so schön beschrieben:
„Und auf vorgeschriebnen Bahnen
Zieht die Menge durch die Flur;
Den entrollten Lügenfahnen
Folgen alle – Schafsnatur!“
Das ist wohl auch der Grund, warum das Kabarett in Deutschland so gut funktioniert. Vorne steht der Inquisitor, der gemeinsam mit der Horde arroganter Besserwisser im Publikum ein Feindbild aussucht, um dann genüsslich über eben dieses Feindbild herzuziehen. Was im Kabarett kaum bis selten passiert, ist wahrer Humor, der es wagt über sich selbst zu lachen. Nein, im Deutschen Kabarett wird nicht über sich selbst gelacht, sondern über die Anderen. An aller erster Stelle sind hier als die Anderen die Politiker zu nennen. Nun gut, die meisten Politiker haben den Spot auch verdient, nur vergisst die Horde, die da lacht, nur allzu gerne, dass es als Publikum und Volk im Grunde genommen erster Souverän des Staates ist und somit verantwortlich für die Misere. Aber egal. Verantwortung war gestern. Heute regiert der Spaß! Drum Ihr Damen und Herren des Deutschen Kabaretts: Blast die Narrentrompete auf dass die Deutsche Horde tanzt. Davon geht die Welt nicht unter! Die wird ja noch gebraucht. Ihr dürft sogar wieder über Ausländer Witze machen, vorausgesetzt natürlich, der Ausländer ist Amerikaner.
Natürlich sind die Anderen nie die Terroristen, weil Terroristen waren die Deutschen ja selbst lange Zeit. Als Nazis terrorisierten sie die Welt und die Demokraten im eigenen Land. Schnell entstand eine gute Zusammenarbeit zwischen dem nationalsozialistischem Deutschland und dem islamischen Faschismus. Die Beziehungen zwischen der NSDAP und der Muslimbruderschaft sind ja ohne Probleme nachlesbar. Im Grunde genommen ist der Terrorist für den deutschen Otto-Normal-Bürger nicht der Andere, sondern stets er selbst. Und wenn man dermaleinst erklärt hat, warum die palästinensische Erklärung fordert, alle Juden ins Meer zu treiben und warum den Terroristen eigentlich kein anderer Ausweg blieb, als am 11. September 2001 einen Massenmord zu begehen, dann wird auch der Deutsche endlich ein gutes Gewissen haben und ganz tief in seinem Herzen wissen, dass es doch einen entschuldbaren Grund für die Nazis gab.
Einer erstmal völlig enthemmten Horde kann man schließlich vieles erzählen und bei den Kölner Lichtern, lieber Herr Kriminalautor Schmiester, haben Sie mich ganz auf Ihrer Seite. Was der gaffenden Masse dort an Propaganda um die Ohren gehauen wurde, grenzt an Volksverdummung der übelsten Form. Da wurde ernsthaft und mit einem Unterton des Bedauerns festgestellt:
„Die Zeit der Aufklärung schlug sich auf das Feuerwerk nieder und auch die Königshäuser mussten sparen!“
Ja so ein Mist aber auch. Das ist aber echt blöd von der Aufklärung. Da kommt so einfach mir nichts dir nichts die Aufklärung daher und nimmt dem König die Kohle weg. Unverschämtheit!
An dem Abend gab es in der Lichtershow generell eine ekelhafte Sehnsucht nach Diktatur. So wurde zum Beispiel dem Publikum das kommende Feuerwerk der Diktatur Chinas zu den Olympischen Spielen kritiklos schmackhaft gemacht. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen.
Am lustigsten fand ich aber den Moment, als darauf hingewiesen wurde, dass im Europa des 14. Jahrhunderts das Feuerwerk bei Kirche und Machthabern jenseits der militärischen Nutzung als einschüchterndes Kunstmittel beliebt gewesen sei, denn man habe damit so richtig zeigen können, wie gottgegeben kirchliche und königliche Macht aussieht. Da habe ich nur noch ganz leise bei mir gedacht, wer denn wohl der Machthaber dieser Kölner Lichter ist. Aber diese Frage hier zu beantworten ist ein weites Feld, Herr Kriminalautor Schmiester, ein zu weites Feld.
Stattdessen gilt es, noch einmal auf Mario Barth zurückzukommen. Bestimmt wird schon die ein oder der andere gedacht haben, meine Kritik sei unangebracht, denn schließlich lache Mario Barth nicht über die Anderen, sondern stets über sich selbst. Weit gefehlt! Auf den ersten Blick scheint dem so zu sein. Wenn man Mario Barth zuschaut, wie er sich über seine Beziehung im Speziellen und der Beziehung zwischen Mann und Frau im Allgemeinen lustig macht, ist man tatsächlich dazu verführt, zu glauben, da lache jemand über sich selbst. Schaut man jedoch nur ein bisschen genauer hin, wird man sehen, dass der ganze Humor nur auf eine altmodische, ja fast reaktionäre Einteilung der Menschheit in ein überholtes Mann-Frau-Schema funktioniert. Mario Barth kreiert den Mann als das Andere zur Frau und die Frau als das radikal Andere zum Mann. Im Publikum sitzen sie dann, die Menschen, die sich freiwillig zum Anderen machen lassen, nur um so über den wiederum Anderen lachen zu können. Eine wahrhaft dialektische Meisterleistung von Barth. Fast möchte man vermuten, er habe Hegel gelesen, aber eben nur fast.
Barth hat eine schöne neue Welt geschaffen, in der sich jeder zum Anderen für den Anderen machen lässt, nur damit jeder und jede etwas zu lachen hat. Eine moralische Verpflichtung gegenüber den Anderen erfolgt jedoch nicht. Der Andere ist lediglich das Spiegelbild der eigenen Fratzenschneiderein. Fast schon zu komisch, um wahr zu sein.
In diesem Sinne verbleibe ich staunend,
Ihr Theaterdirektor Buurmann.
PS: In meinem Stück habe ich nicht das Skrotum verbal verunstaltet, wie Sie es in Ihrem letzten Brief behauptet haben, sondern das Praeputium; aber von einem Mann, der das Hebräische nicht von dem Arabischen unterscheiden kann, verlange ich nicht, dass er um den Unterschied zwischen dem Hodensack und der Vorhaut weiß. Ich hoffe (und wenn auch nur stellvertretend für Ihre Lebensabschnittsgefährtin), dass Sie in der weiblichen Anatomie besser unterwegs sind.
verehrter Herr Kriminalautor Schmiester,
aber bei den Kölner Lichtern bleibe ich gelassen.
Bevor Sie nun aber ganz an mir verzweifeln, seien Sie sich gewiss, dass ich selbstverständlich gerne mit Ihnen Hand in Hand durch das kommende Jahrhundert gehen möchte und dass auch ich nichts Positives zu den Kölner Lichtern zu sagen habe. Die Kölner Lichter widern mich an, wie jede Massenveranstaltung, bei der der individuelle Mensch zur gaffenden Fleischmasse reduziert wird. Am selben Tag wie die Kölner Lichter füllte Mario Barth in Berlin die Olympiahalle mit 70.000 Menschen, die begeistert und trunken Ihrem Idol zujubelten. Mit diesen 70.000 Menschen brach Mario Barth den Rekord, der vor ihm durch Chris Rock aus den Vereinigten Staaten von Amerika aufgestellt wurde, der etwas weniger als 16.000 Menschen versammeln konnte.
Verwundern tut es mich nicht, dass letztendlich ein Deutscher den Rekord gebrochen hat, denn wenn es etwas gibt, das die Deutschen gut können, dann sich in lachenden Horden zusammenzurotten um gemeinsam mit einem Führer über Andere zu lachen.
Goethe hat es im Faust (Zweiter Teil) mal so schön beschrieben:
„Und auf vorgeschriebnen Bahnen
Zieht die Menge durch die Flur;
Den entrollten Lügenfahnen
Folgen alle – Schafsnatur!“
Das ist wohl auch der Grund, warum das Kabarett in Deutschland so gut funktioniert. Vorne steht der Inquisitor, der gemeinsam mit der Horde arroganter Besserwisser im Publikum ein Feindbild aussucht, um dann genüsslich über eben dieses Feindbild herzuziehen. Was im Kabarett kaum bis selten passiert, ist wahrer Humor, der es wagt über sich selbst zu lachen. Nein, im Deutschen Kabarett wird nicht über sich selbst gelacht, sondern über die Anderen. An aller erster Stelle sind hier als die Anderen die Politiker zu nennen. Nun gut, die meisten Politiker haben den Spot auch verdient, nur vergisst die Horde, die da lacht, nur allzu gerne, dass es als Publikum und Volk im Grunde genommen erster Souverän des Staates ist und somit verantwortlich für die Misere. Aber egal. Verantwortung war gestern. Heute regiert der Spaß! Drum Ihr Damen und Herren des Deutschen Kabaretts: Blast die Narrentrompete auf dass die Deutsche Horde tanzt. Davon geht die Welt nicht unter! Die wird ja noch gebraucht. Ihr dürft sogar wieder über Ausländer Witze machen, vorausgesetzt natürlich, der Ausländer ist Amerikaner.
Natürlich sind die Anderen nie die Terroristen, weil Terroristen waren die Deutschen ja selbst lange Zeit. Als Nazis terrorisierten sie die Welt und die Demokraten im eigenen Land. Schnell entstand eine gute Zusammenarbeit zwischen dem nationalsozialistischem Deutschland und dem islamischen Faschismus. Die Beziehungen zwischen der NSDAP und der Muslimbruderschaft sind ja ohne Probleme nachlesbar. Im Grunde genommen ist der Terrorist für den deutschen Otto-Normal-Bürger nicht der Andere, sondern stets er selbst. Und wenn man dermaleinst erklärt hat, warum die palästinensische Erklärung fordert, alle Juden ins Meer zu treiben und warum den Terroristen eigentlich kein anderer Ausweg blieb, als am 11. September 2001 einen Massenmord zu begehen, dann wird auch der Deutsche endlich ein gutes Gewissen haben und ganz tief in seinem Herzen wissen, dass es doch einen entschuldbaren Grund für die Nazis gab.
Einer erstmal völlig enthemmten Horde kann man schließlich vieles erzählen und bei den Kölner Lichtern, lieber Herr Kriminalautor Schmiester, haben Sie mich ganz auf Ihrer Seite. Was der gaffenden Masse dort an Propaganda um die Ohren gehauen wurde, grenzt an Volksverdummung der übelsten Form. Da wurde ernsthaft und mit einem Unterton des Bedauerns festgestellt:
„Die Zeit der Aufklärung schlug sich auf das Feuerwerk nieder und auch die Königshäuser mussten sparen!“
Ja so ein Mist aber auch. Das ist aber echt blöd von der Aufklärung. Da kommt so einfach mir nichts dir nichts die Aufklärung daher und nimmt dem König die Kohle weg. Unverschämtheit!
An dem Abend gab es in der Lichtershow generell eine ekelhafte Sehnsucht nach Diktatur. So wurde zum Beispiel dem Publikum das kommende Feuerwerk der Diktatur Chinas zu den Olympischen Spielen kritiklos schmackhaft gemacht. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen.
Am lustigsten fand ich aber den Moment, als darauf hingewiesen wurde, dass im Europa des 14. Jahrhunderts das Feuerwerk bei Kirche und Machthabern jenseits der militärischen Nutzung als einschüchterndes Kunstmittel beliebt gewesen sei, denn man habe damit so richtig zeigen können, wie gottgegeben kirchliche und königliche Macht aussieht. Da habe ich nur noch ganz leise bei mir gedacht, wer denn wohl der Machthaber dieser Kölner Lichter ist. Aber diese Frage hier zu beantworten ist ein weites Feld, Herr Kriminalautor Schmiester, ein zu weites Feld.
Stattdessen gilt es, noch einmal auf Mario Barth zurückzukommen. Bestimmt wird schon die ein oder der andere gedacht haben, meine Kritik sei unangebracht, denn schließlich lache Mario Barth nicht über die Anderen, sondern stets über sich selbst. Weit gefehlt! Auf den ersten Blick scheint dem so zu sein. Wenn man Mario Barth zuschaut, wie er sich über seine Beziehung im Speziellen und der Beziehung zwischen Mann und Frau im Allgemeinen lustig macht, ist man tatsächlich dazu verführt, zu glauben, da lache jemand über sich selbst. Schaut man jedoch nur ein bisschen genauer hin, wird man sehen, dass der ganze Humor nur auf eine altmodische, ja fast reaktionäre Einteilung der Menschheit in ein überholtes Mann-Frau-Schema funktioniert. Mario Barth kreiert den Mann als das Andere zur Frau und die Frau als das radikal Andere zum Mann. Im Publikum sitzen sie dann, die Menschen, die sich freiwillig zum Anderen machen lassen, nur um so über den wiederum Anderen lachen zu können. Eine wahrhaft dialektische Meisterleistung von Barth. Fast möchte man vermuten, er habe Hegel gelesen, aber eben nur fast.
Barth hat eine schöne neue Welt geschaffen, in der sich jeder zum Anderen für den Anderen machen lässt, nur damit jeder und jede etwas zu lachen hat. Eine moralische Verpflichtung gegenüber den Anderen erfolgt jedoch nicht. Der Andere ist lediglich das Spiegelbild der eigenen Fratzenschneiderein. Fast schon zu komisch, um wahr zu sein.
In diesem Sinne verbleibe ich staunend,
Ihr Theaterdirektor Buurmann.
PS: In meinem Stück habe ich nicht das Skrotum verbal verunstaltet, wie Sie es in Ihrem letzten Brief behauptet haben, sondern das Praeputium; aber von einem Mann, der das Hebräische nicht von dem Arabischen unterscheiden kann, verlange ich nicht, dass er um den Unterschied zwischen dem Hodensack und der Vorhaut weiß. Ich hoffe (und wenn auch nur stellvertretend für Ihre Lebensabschnittsgefährtin), dass Sie in der weiblichen Anatomie besser unterwegs sind.
Freitag, 11. Juli 2008
Gehirne am Strand (2) - Eine Widerrede
Sie sehen,
Herr Kriminalautor Schmiester,
leider nur das, was sie wollen.
Selten habe ich erlebt, dass ein Mensch seine eigenen Ängste und Widersprüche so vehement auf einen anderen Menschen überträgt. Aber so sind sie nun mal die Altlinken, zu denen ich Sie ja wohl zählen darf, da Sie nicht nur links, sondern auch schon etwas älter sind (Die DOORS sind nicht mehr auf Platz 1 der Single-Charts); so sind sie also, die Altlinken: statt vor der eigenen Tür zu kehren, wo immer noch der Muff von tausend Jahren herumliegt, natürlich schön vor die Tür gekehrt, denn da ist es ja dann das Problem der Anderen, werden Sündenböcke gesucht, die dann gerne mal für alles verantwortlich gemacht werden, was so gerade nicht in eigenen Kram passt. Und wenn diese Sündenbocke erst einmal gefunden sind, holt der Altlinke zum ultimativen Befreiungsschlag aus, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen: Er denunziert sein Gegenüber als Nazi.
Verehrter Herr Kriminalautor Schmiester, in einer Welt, in der sogar Ralph Giordano und Henryk M. Broder als Nazis bezeichnet werden, bekommt der Begriff „Nazi“ ja fast schon etwas Adelndes. Deshalb macht sich der Nazi nun an Ihren Argumente, so wir sie so nennen wollen.
Sie sagen ich würde Angst verbreiten, irrationale Angst sogar. Klar, die regelmäßigen Bomben auf Israel sind reine Phantasie. Der 11. September ein Plot der Amerikaner. In Spanien ist auch nie ein Zug gesprengt worden. Und Heathrow hatte niemals eine Terrorwarnung. Wissen Sie, Herr Kriminalautor Schmiester, Sie reden wie Helmut Kohl Anfang der 90er, als Deutschland wieder Pogrome hatte und Asylantenheime brannten. Trotz der Anschläge in Rostock und Hoyerswerda und der dumpf grölenden Meute am Straßenrand, behauptete Helmut Kohl I. ernsthaft, es gäbe kein grundlegendes Problem mit rechter Gewalt in Deutschland. Er ließ sich auf keine Demo, auf keine Beerdigung und auf keine Trauerveranstaltung blicken. Deutschland hatte kein Problem und wer es behauptete schürte die Angst.
Sie klingen zudem wie die Politiker, die behaupteten, dass das Reden von No-Go-Areas für Ausländer während der WM 2006 in Deutschland reine Panikmache gewesen sei. So werden faschistoid motivierte Verbrechen klein geredet und jene verdammt, die es wagen darauf aufmerksam zu machen.
Natürlich sind die Ängste für sie irrational. Was haben Sie auch schon zu befürchten? Sie sitzen ja tatsächlich in Sicherheit. Sie sind kein schwuler Palästinenser, dem der Tod droht. Sie sind keine emanzipierte Frau kurz vor Steinigung. Sie sind kein Jude, der gehasst wird, weil er Jude ist. Sie sind ein guter deutscher Kleinbürger, was komischweise heutzutage gleichbedeutend ist mit Altlinker. Sie haben eine ganz andere Angst, eine Angst die nicht irrational ist. Sie wollen Ihre Sicherheit nicht verlieren, bloß still halten, nicht auffallen, den Finger nicht in die Wunde legen. Von uns wollen die ja nichts. Uns lassen die ja in Ruhe. Und am Ende haben wir von nichts gewusst.
Sagen Sie mal, Herr Kriminalautor Schmiester, haben Sie denn in Ihrer alten linken Zeit nie einen christlichen Linken getroffen? Der hätte Ihnen doch Bonhöfer vorlesen müssen, oder? Nun, da dies wohl nie geschehen ist, möchte ich es hier nachholen:
„Zuerst kamen sie wegen der Kommunisten, aber ich war kein Kommunist, und so habe ich nicht protestiert. Danach kamen sie wegen der Homosexuellen, aber ich war kein Homosexueller, und so habe ich nicht protestiert. Dann kamen sie wegen der Juden, aber ich war kein Jude, und so habe ich nicht protestiert. Danach kamen sie wegen der Katholiken, aber ich war kein Katholik, und so habe ich nicht protestiert. Als sie wegen mir kamen, war keiner mehr da, der hätte protestieren können.“
Solange es die islamischen Fundamentalisten nur auf Moslems abgesehen haben (Moslems sind nun mal die Hauptopfergruppe der islamischen Fundamentalisten), solange sie lediglich die Juden hassen (und dafür gibt es ja immer Gründe, sie haben als Altlinker bestimmt auch ein paar „gute Gründe“ auf Lager), solange sie nur Frauen steinigen (ist ja eh eine andere Kultur, da können wir nicht arrogant daherkommen und sie daran hindern), solange die Bomben nur in den USA, England und Spanien hochgehen (und irgendwas müssen die ja verbrochen haben, so wie die Juden, die sind ja auch nicht ganz unschuldig an ihrem Leid – jaja, wir kennen die Klaviatur), solange der Krieg also der Krieg der Anderen ist, solange nur die Anderen sterben, erklären wir einfach den Frieden ganz privat für uns. Herzlichen Glückwunsch erneut, Herr Kriminalautor Schmiester, Sie haben die Frieden privatisiert, für sich und all die anderen deutschen Gutmenschen. Kein Krieg nirgends war gestern, Ihnen reicht Ihr Vorgarten. Und jeder, der es wagt, darauf hinzuweisen, dass genau diese Haltung zum Gegenteil führen kann, ist ein: BILD-Leser, Nazi, Schäublefan (was darf es denn heute sein?)
Herr Kriminalautor Schmiester, Sie mögen es Ihrer Butze vielleicht nicht merken, aber es ist nicht Frieden. Menschen werden getötet, weil sie das falsche Geschlecht haben, weil sie Juden sind, weil sie den falschen ficken – auch in Deutschland, wie das Thema "Ehren"-Mord beweist. Wir können da nicht einfach sagen, dass es uns nicht betrifft.; obwohl, Sie können es ja ganz gut, wie ich lesen darf. Für sie ist der islamische Terror nämlich keine Gefahr, sondern nur eine Schnappsidee von Schäuble. Chapeau. Da muss man erst mal drauf kommen.
Was soll ich also Ihrer Meinung nach machen? Soll ich die Fresse halten, wie Helmut Kohl einst in den 90ern? Soll ich die reale Gefahr durch den Terrorismus verschweigen, so wie wir fast kollektiv während der WM nicht zum Rassismus in Deutschland sprechen durften, ohne als Vaterlandsverräter beschimpft zu werden?
Herr Kriminalautor Schmiester, hören Sie auf, Nazis zu suchen, wo keine sind. Kommen Sie aus Ihrem Sandkasten der guten alten 70er Jahre heraus und legen Sie die Förmchen weg. Da draußen in der Welt gibt es gerade einen Schlag gegen den Femi- und Humanismus, eine Entwicklung, die ekelhaft ist. Antisemitismus wird zu Antizionismus, Antiamerkanismus ist salonfähig, „Die Protokolle der Weisen von Zion“ heißen jetzt „Israel Lobby“, Frauenrechte müssen von UN-Mitgliedsstaaten nicht geachtet werden, sexistische Comedy ist wieder in. Wir haben ein Problem: Uns ist die Aufklärung wurscht geworden!
Aber Sie sehen das natürlich anders. Sie glauben, ich würde der Fremdenfeindlichkeit Vorschub leisten. Natürlich kritisieren Sie meine Arbeit. Da sind Sie ja wieder mal sicher und müssen nichts befürchten. Kritik an meiner Arbeit ist so leicht wie Kritik an Schäuble, den USA und Israel. Wir werden uns nicht hochjagen oder irgendwelche Menschen gegen Sie fanatisieren. Die Botschaften der Welt sind sicher vor uns. Und Flaggen werde ich auch nicht verbrennen. Da habe ich gar kein Geld für. Um mich und meine Arbeit zu kritisieren, brauchen Sie also keine Chuzpe. Bei mir kommen Sie auch mit Unterstellungen weiter.
Ich habe nämlich nie gesagt, dass alle Mulsime Terroristen sind. In meinem Stück ist lediglich der eine Terrorist, der auftritt, ein Moslem. Ist das unwahrscheinlich? Nein. Ist es Panikmache? Wohl kaum. Sonst dürfte auch kein Theatermacher einen Neonazi mit Glatze zeigen, da das ja die Glatzenträger diskriminieren könnte. Und der Vergewaltiger auf der Bühne darf auch kein Mann mehr sein, sonst käme ja noch jemand auf die Idee alle Männer seien Vergewaltiger. Und Marlene Dietrich war natürlich auch eine Vaterlandsverräterin, da sie im 2. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten gestanden hat. Es ist erstaunlich, wie reaktionär ein Altlinker doch sein kann.
Nochmal für Sie, Herr Kriminalautor Schmiester: Fast alle Vergewaltiger sind Männer. Das heißt nicht, dass alle Männer Vergewaltiger sind. Genauso steht es mit dem Terror. Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber erschreckend viele Terroristen sind Muslime. Sogar Alice im Wunderland versteht das. Und noch mal: Die Hauptopfer der Terroristen sind Muslime. Es geht darum, für diese Muslime zu sprechen. Was ist mit diesen Opfern? Sollen wir schweigen, nur weil es die "Anderen" sind? Was ist zudem mit den Muslimen, die sich nicht hochjagen, die ihre Kinder nicht als Schutzschild verwenden? Beleidigen wir diese Muslime nicht, wenn wir ständig nach Gründen suchen, warum jemand Terrorist wird, statt danach zu fragen, warum die große Mehrheit der Muslime keine Terroristen sind? Was ist mit den emanzipierten Muslimen? Sollen wir ihnen in den Rücken fallen, weil wir es einfach spannender finden, die Täter zu analysieren. Wie dreister kann man eigentlich noch auf aufgeklärte Muslime spucken.
Ihr Brief zeugt von einer gewissen Unfähigkeit zu trauern. Statt sich darauf einzulassen, dass sich das Stück „Gehirne am Strand“ überwiegend mit der Opferperspektive beschäftigt, wollen sie Ausgeglichenheit um jeden Preis. Warum muss man immer den Täter verstehen? Was gibt es denn da zu verstehen? Der Terror verbreitet Schrecken. Dieser Schrecken verbreitet sich umso mehr, wie Menschen, wie Sie, es verhindern, dem Schrecken in die Augen zu schauen. Nur wer es wagt, sich den Schrecken zu vergegenwärtigen, kann davor geschützt sein, zum Opfer seiner eigenen Angst zu werden.
Sie unterstellen mir, ich würde sagen, jeder kulturfremde Mensch sei eine Gefahr. Dies stimmt nicht, Sie wollen es so sehen. Haben Sie vielleicht selber Angst vor dem Fremden? Haben Sie sich vielleicht zu sehr mit den Tätern beschäftigt? Zu sehr seine Gefühle analysiert? Ihn zu sehr "verstanden"? Wie wäre es mal mit wahrer Offenheit den Kulturen gegenüber. Jede Kultur birgt humanistische, feministische und demokratische Strukturen. Seien sie offen gegenüber diesen Strukturen, egal in welchen Kulturen sie auftauchen. Seien Sie jedoch auf der Hut vor jenen Menschen, die Sie dann zum Feinde machen werden; es sind nicht wenige. Am Ende sind die Terroristen auch unter uns. Mal zünden sie Asylantenheime an, mal Synagogen, mal das World Trade Center. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Und ich werde nicht müde zu klagen, egal ob der Mörder weiß, schwarz, schwul, lesbisch, Mann, Frau, Jude, Christ, Buddhist oder Moslem ist. Und der aufgeklärte Mensch wird meiner Meinung sein, solange er die Ideale der Aufklärung für wichtiger erachtet als „kulturelle Eigenarten“.
Einen Terroristen in einem Theaterstück einen Palästinenserschal umzuhängen ist genauso legitim, wie einem Soldaten im Irak eine US-Uniform zu geben. Wer das nicht erlaubt, oder gleich glaubt, dahinter stünden böse Absichten, ist ein notorischer, paranoider Besserwisser.
In diesem Sinne verbleibe ich mit den allerbesten Wünschen von Besserwisser zu Besserwisser,
gerd buurmann
PS. Der Terrorist hat übrigens nicht hebräisch gesprochen, wie Sie es in Ihrem Brief behaupten, sondern arabisch. Für Sie wird das allerdings keinen Unterschied machen. Aber an Ihrer Fähigkeit zu differenzieren können seit Ihrem letzten Brief eh Zweifel angemeldet werden. Statt über BILD-Leser zu urteilen, laden Sie einen solchen Leser doch einfach mal zu einem Tee ein. Sie können dann auch ruhig die DOORS spielen.
Herr Kriminalautor Schmiester,
leider nur das, was sie wollen.
Selten habe ich erlebt, dass ein Mensch seine eigenen Ängste und Widersprüche so vehement auf einen anderen Menschen überträgt. Aber so sind sie nun mal die Altlinken, zu denen ich Sie ja wohl zählen darf, da Sie nicht nur links, sondern auch schon etwas älter sind (Die DOORS sind nicht mehr auf Platz 1 der Single-Charts); so sind sie also, die Altlinken: statt vor der eigenen Tür zu kehren, wo immer noch der Muff von tausend Jahren herumliegt, natürlich schön vor die Tür gekehrt, denn da ist es ja dann das Problem der Anderen, werden Sündenböcke gesucht, die dann gerne mal für alles verantwortlich gemacht werden, was so gerade nicht in eigenen Kram passt. Und wenn diese Sündenbocke erst einmal gefunden sind, holt der Altlinke zum ultimativen Befreiungsschlag aus, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen: Er denunziert sein Gegenüber als Nazi.
Verehrter Herr Kriminalautor Schmiester, in einer Welt, in der sogar Ralph Giordano und Henryk M. Broder als Nazis bezeichnet werden, bekommt der Begriff „Nazi“ ja fast schon etwas Adelndes. Deshalb macht sich der Nazi nun an Ihren Argumente, so wir sie so nennen wollen.
Sie sagen ich würde Angst verbreiten, irrationale Angst sogar. Klar, die regelmäßigen Bomben auf Israel sind reine Phantasie. Der 11. September ein Plot der Amerikaner. In Spanien ist auch nie ein Zug gesprengt worden. Und Heathrow hatte niemals eine Terrorwarnung. Wissen Sie, Herr Kriminalautor Schmiester, Sie reden wie Helmut Kohl Anfang der 90er, als Deutschland wieder Pogrome hatte und Asylantenheime brannten. Trotz der Anschläge in Rostock und Hoyerswerda und der dumpf grölenden Meute am Straßenrand, behauptete Helmut Kohl I. ernsthaft, es gäbe kein grundlegendes Problem mit rechter Gewalt in Deutschland. Er ließ sich auf keine Demo, auf keine Beerdigung und auf keine Trauerveranstaltung blicken. Deutschland hatte kein Problem und wer es behauptete schürte die Angst.
Sie klingen zudem wie die Politiker, die behaupteten, dass das Reden von No-Go-Areas für Ausländer während der WM 2006 in Deutschland reine Panikmache gewesen sei. So werden faschistoid motivierte Verbrechen klein geredet und jene verdammt, die es wagen darauf aufmerksam zu machen.
Natürlich sind die Ängste für sie irrational. Was haben Sie auch schon zu befürchten? Sie sitzen ja tatsächlich in Sicherheit. Sie sind kein schwuler Palästinenser, dem der Tod droht. Sie sind keine emanzipierte Frau kurz vor Steinigung. Sie sind kein Jude, der gehasst wird, weil er Jude ist. Sie sind ein guter deutscher Kleinbürger, was komischweise heutzutage gleichbedeutend ist mit Altlinker. Sie haben eine ganz andere Angst, eine Angst die nicht irrational ist. Sie wollen Ihre Sicherheit nicht verlieren, bloß still halten, nicht auffallen, den Finger nicht in die Wunde legen. Von uns wollen die ja nichts. Uns lassen die ja in Ruhe. Und am Ende haben wir von nichts gewusst.
Sagen Sie mal, Herr Kriminalautor Schmiester, haben Sie denn in Ihrer alten linken Zeit nie einen christlichen Linken getroffen? Der hätte Ihnen doch Bonhöfer vorlesen müssen, oder? Nun, da dies wohl nie geschehen ist, möchte ich es hier nachholen:
„Zuerst kamen sie wegen der Kommunisten, aber ich war kein Kommunist, und so habe ich nicht protestiert. Danach kamen sie wegen der Homosexuellen, aber ich war kein Homosexueller, und so habe ich nicht protestiert. Dann kamen sie wegen der Juden, aber ich war kein Jude, und so habe ich nicht protestiert. Danach kamen sie wegen der Katholiken, aber ich war kein Katholik, und so habe ich nicht protestiert. Als sie wegen mir kamen, war keiner mehr da, der hätte protestieren können.“
Solange es die islamischen Fundamentalisten nur auf Moslems abgesehen haben (Moslems sind nun mal die Hauptopfergruppe der islamischen Fundamentalisten), solange sie lediglich die Juden hassen (und dafür gibt es ja immer Gründe, sie haben als Altlinker bestimmt auch ein paar „gute Gründe“ auf Lager), solange sie nur Frauen steinigen (ist ja eh eine andere Kultur, da können wir nicht arrogant daherkommen und sie daran hindern), solange die Bomben nur in den USA, England und Spanien hochgehen (und irgendwas müssen die ja verbrochen haben, so wie die Juden, die sind ja auch nicht ganz unschuldig an ihrem Leid – jaja, wir kennen die Klaviatur), solange der Krieg also der Krieg der Anderen ist, solange nur die Anderen sterben, erklären wir einfach den Frieden ganz privat für uns. Herzlichen Glückwunsch erneut, Herr Kriminalautor Schmiester, Sie haben die Frieden privatisiert, für sich und all die anderen deutschen Gutmenschen. Kein Krieg nirgends war gestern, Ihnen reicht Ihr Vorgarten. Und jeder, der es wagt, darauf hinzuweisen, dass genau diese Haltung zum Gegenteil führen kann, ist ein: BILD-Leser, Nazi, Schäublefan (was darf es denn heute sein?)
Herr Kriminalautor Schmiester, Sie mögen es Ihrer Butze vielleicht nicht merken, aber es ist nicht Frieden. Menschen werden getötet, weil sie das falsche Geschlecht haben, weil sie Juden sind, weil sie den falschen ficken – auch in Deutschland, wie das Thema "Ehren"-Mord beweist. Wir können da nicht einfach sagen, dass es uns nicht betrifft.; obwohl, Sie können es ja ganz gut, wie ich lesen darf. Für sie ist der islamische Terror nämlich keine Gefahr, sondern nur eine Schnappsidee von Schäuble. Chapeau. Da muss man erst mal drauf kommen.
Was soll ich also Ihrer Meinung nach machen? Soll ich die Fresse halten, wie Helmut Kohl einst in den 90ern? Soll ich die reale Gefahr durch den Terrorismus verschweigen, so wie wir fast kollektiv während der WM nicht zum Rassismus in Deutschland sprechen durften, ohne als Vaterlandsverräter beschimpft zu werden?
Herr Kriminalautor Schmiester, hören Sie auf, Nazis zu suchen, wo keine sind. Kommen Sie aus Ihrem Sandkasten der guten alten 70er Jahre heraus und legen Sie die Förmchen weg. Da draußen in der Welt gibt es gerade einen Schlag gegen den Femi- und Humanismus, eine Entwicklung, die ekelhaft ist. Antisemitismus wird zu Antizionismus, Antiamerkanismus ist salonfähig, „Die Protokolle der Weisen von Zion“ heißen jetzt „Israel Lobby“, Frauenrechte müssen von UN-Mitgliedsstaaten nicht geachtet werden, sexistische Comedy ist wieder in. Wir haben ein Problem: Uns ist die Aufklärung wurscht geworden!
Aber Sie sehen das natürlich anders. Sie glauben, ich würde der Fremdenfeindlichkeit Vorschub leisten. Natürlich kritisieren Sie meine Arbeit. Da sind Sie ja wieder mal sicher und müssen nichts befürchten. Kritik an meiner Arbeit ist so leicht wie Kritik an Schäuble, den USA und Israel. Wir werden uns nicht hochjagen oder irgendwelche Menschen gegen Sie fanatisieren. Die Botschaften der Welt sind sicher vor uns. Und Flaggen werde ich auch nicht verbrennen. Da habe ich gar kein Geld für. Um mich und meine Arbeit zu kritisieren, brauchen Sie also keine Chuzpe. Bei mir kommen Sie auch mit Unterstellungen weiter.
Ich habe nämlich nie gesagt, dass alle Mulsime Terroristen sind. In meinem Stück ist lediglich der eine Terrorist, der auftritt, ein Moslem. Ist das unwahrscheinlich? Nein. Ist es Panikmache? Wohl kaum. Sonst dürfte auch kein Theatermacher einen Neonazi mit Glatze zeigen, da das ja die Glatzenträger diskriminieren könnte. Und der Vergewaltiger auf der Bühne darf auch kein Mann mehr sein, sonst käme ja noch jemand auf die Idee alle Männer seien Vergewaltiger. Und Marlene Dietrich war natürlich auch eine Vaterlandsverräterin, da sie im 2. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten gestanden hat. Es ist erstaunlich, wie reaktionär ein Altlinker doch sein kann.
Nochmal für Sie, Herr Kriminalautor Schmiester: Fast alle Vergewaltiger sind Männer. Das heißt nicht, dass alle Männer Vergewaltiger sind. Genauso steht es mit dem Terror. Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber erschreckend viele Terroristen sind Muslime. Sogar Alice im Wunderland versteht das. Und noch mal: Die Hauptopfer der Terroristen sind Muslime. Es geht darum, für diese Muslime zu sprechen. Was ist mit diesen Opfern? Sollen wir schweigen, nur weil es die "Anderen" sind? Was ist zudem mit den Muslimen, die sich nicht hochjagen, die ihre Kinder nicht als Schutzschild verwenden? Beleidigen wir diese Muslime nicht, wenn wir ständig nach Gründen suchen, warum jemand Terrorist wird, statt danach zu fragen, warum die große Mehrheit der Muslime keine Terroristen sind? Was ist mit den emanzipierten Muslimen? Sollen wir ihnen in den Rücken fallen, weil wir es einfach spannender finden, die Täter zu analysieren. Wie dreister kann man eigentlich noch auf aufgeklärte Muslime spucken.
Ihr Brief zeugt von einer gewissen Unfähigkeit zu trauern. Statt sich darauf einzulassen, dass sich das Stück „Gehirne am Strand“ überwiegend mit der Opferperspektive beschäftigt, wollen sie Ausgeglichenheit um jeden Preis. Warum muss man immer den Täter verstehen? Was gibt es denn da zu verstehen? Der Terror verbreitet Schrecken. Dieser Schrecken verbreitet sich umso mehr, wie Menschen, wie Sie, es verhindern, dem Schrecken in die Augen zu schauen. Nur wer es wagt, sich den Schrecken zu vergegenwärtigen, kann davor geschützt sein, zum Opfer seiner eigenen Angst zu werden.
Sie unterstellen mir, ich würde sagen, jeder kulturfremde Mensch sei eine Gefahr. Dies stimmt nicht, Sie wollen es so sehen. Haben Sie vielleicht selber Angst vor dem Fremden? Haben Sie sich vielleicht zu sehr mit den Tätern beschäftigt? Zu sehr seine Gefühle analysiert? Ihn zu sehr "verstanden"? Wie wäre es mal mit wahrer Offenheit den Kulturen gegenüber. Jede Kultur birgt humanistische, feministische und demokratische Strukturen. Seien sie offen gegenüber diesen Strukturen, egal in welchen Kulturen sie auftauchen. Seien Sie jedoch auf der Hut vor jenen Menschen, die Sie dann zum Feinde machen werden; es sind nicht wenige. Am Ende sind die Terroristen auch unter uns. Mal zünden sie Asylantenheime an, mal Synagogen, mal das World Trade Center. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Und ich werde nicht müde zu klagen, egal ob der Mörder weiß, schwarz, schwul, lesbisch, Mann, Frau, Jude, Christ, Buddhist oder Moslem ist. Und der aufgeklärte Mensch wird meiner Meinung sein, solange er die Ideale der Aufklärung für wichtiger erachtet als „kulturelle Eigenarten“.
Einen Terroristen in einem Theaterstück einen Palästinenserschal umzuhängen ist genauso legitim, wie einem Soldaten im Irak eine US-Uniform zu geben. Wer das nicht erlaubt, oder gleich glaubt, dahinter stünden böse Absichten, ist ein notorischer, paranoider Besserwisser.
In diesem Sinne verbleibe ich mit den allerbesten Wünschen von Besserwisser zu Besserwisser,
gerd buurmann
PS. Der Terrorist hat übrigens nicht hebräisch gesprochen, wie Sie es in Ihrem Brief behaupten, sondern arabisch. Für Sie wird das allerdings keinen Unterschied machen. Aber an Ihrer Fähigkeit zu differenzieren können seit Ihrem letzten Brief eh Zweifel angemeldet werden. Statt über BILD-Leser zu urteilen, laden Sie einen solchen Leser doch einfach mal zu einem Tee ein. Sie können dann auch ruhig die DOORS spielen.
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